Frau Prof. Dr. Gabriele Graube über das „ungeliebte Kind“ im deutschen Bildungssystem

Frau Prof. Dr. Gabriele Graube ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats bei fabmaker. Als Professorin des Instituts für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Braunschweig steht sie fabmaker bei der Erarbeitung und Weiterentwicklung des Bildungskonzepts fabucation zur Seite, denn Technikbildung ist eine Herzensangelegenheit für sie.

Foto_GraubeDie Unterstützung im Bereich der didaktischen Konzeption ergab sich bereits 2015 durch ein Anliegen, was beide miteinander verbindet: das Bildungspotential neuer Medien. Im gemeinsamen Gespräch mit Frau Prof. Graube haben wir einmal genauer nachgefragt:

Seit 2005 sind Sie an der TU Braunschweig am Institut für Erziehungswissenschaften in der Abteilung Weiterbildung und Medien tätig. Können Sie einen kurzen Einblick in ihre Arbeit geben?

„Die Forschungsschwerpunkte liegen in dem Bereich Technikbildung und diese in Verknüpfung mit Medien und Neuen Medien. In diesem Zusammenhang ergeben sich Fragen wie, ‚Welche Kompetenzen braucht man eigentlich, wenn man mit Neuen Medien und neuer Technologie arbeitet?‘ und ‚Kann man diese Technologie in der Schule schon anbahnen?‘ Die Verknüpfung aus Konstruktionstätigkeit und Bildung ist das, was mich interessiert. Und die Fähigkeiten und Kompetenzen, die sich dabei entwickeln.“

Die Technische Bildung spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Von 2009 bis 2015 waren Sie Vorsitzende des VDI-Fachbeirates „Technische Bildung“. Warum ist Ihnen Technische Bildung so wichtig?

„Ich bin von Hause aus Ingenieurin. Ich habe studiert und promoviert im Bereich der Ingenieurswissenschaften an der Technischen Universität Dresden. Danach habe ich den Weg in die Geisteswissenschaften gefunden und mich dort mit der Bildung und Weiterbildung beschäftigt. Diese Kombination als Ingenieurin und als Bildungswissenschaftlerin verbindet zwei Disziplinen zu dem Bereich der Technischen Bildung.“

Wie sieht es mit der Technikbildung derzeit in Deutschland aus?

„Ein Flickenteppich. Man sagt auch gerne ‚das ungeliebte Kind der Bildung‘. Jedes Bundesland hat eine andere Lösung. Technikbildung ist sehr vereinzelt und nicht durchgängig in Schulen. Und wir haben überall andere Fachbezeichnungen. So gibt es zum Beispiel die Bezeichnung WAT, nur Technik oder Arbeitslehre. Das ist ein buntes Durcheinander.“

Inwiefern stellt der Einsatz von 3D-Druckern mit angepassten Lehr- und Lernkonzepten eine Möglichkeit dar, die Technische Allgemeinbildung zu fördern?

„3D-Druck ist ein Beispiel für Digitale Technologien. Digitalität und Digitalisierung sind gerade große Trends in der Gesellschaft. Dies sind erstmal harte Technikthemen. Weil sie aber als Querschnittsthemen durch die gesamte Gesellschaft gehen, kann und muss man mit solchen Themen die Schule erreichen. Und diese Themen werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Kulturministerkonferenz (KMK) gefördert. Wenn man diese Forderung nach Digitaler Bildung in der Schule ernst nimmt, dann kommt man an Technikbildung nicht vorbei.“

Wo sehen Sie derzeit Herausforderungen, die es noch zu überwinden gilt, um die digitale Bildung in den Unterricht zu integrieren?

„Da gibt es eine ganze Menge Probleme, die es aus dem Weg zu räumen gilt. Ein Thema ist die Länderhoheit. Jedes Land kann für sich entscheiden, wie sie mit der Technikbildung umgeht. Das ist eine große Herausforderung, ländergemeinsam zu konzipieren und zu agieren. Wir sagen zwar immer, wir sind Technologieführer Deutschland und wir sind das Land der Ingenieure; aber wir tun letztendlich ganz wenig Verbindliches in der technischen Allgemeinbildung. Und das ist kein guter Weg. Und dann wird mit dem Begriff der digitalen Bildung wie schon bei der MINT-Bildung das T für Technik oft ganz vergessen. Aber digitale Bildung ist mehr als Informatik und Mediennutzung.“

Inwiefern sehen Sie in diesem Rahmen Fortbildungen für Lehrer und Ausbilder, die in der technischen Aus- und Weiterbildung tätig sind, als wichtige Qualifizierungsmaßname an?

„Technische Allgemeinbildung muss man bildungspolitisch wollen und auch bildungspolitisch umsetzen. Ich glaube der Wille ist inzwischen da, ich habe bereits auf die KMK und das BMBF verwiesen, aber natürlich muss man auch bei den Lehrkräften und Schulen ansetzen. Es braucht Ausbildung und Weiterbildung; Lehrkräfte müssen darauf vorbereitet werden. Dementsprechend braucht man nicht nur 3D-Drucker und technische Infrastruktur, sondern es braucht auch die Konzepte zur Weiterbildung. Und neben den Konzepten braucht man Lehrkräfte, die sich dafür begeistern lassen. In der beruflichen Bildung gilt ähnliches.“

Es wird in der Gesellschaft oft darüber gesprochen, dass durch den Einsatz von digitalen Technologien in der Schule und in der Ausbildung Fachkräfte gesichert und zukunftsweisend ausgebildet werden. Welche Chancen sehen Sie in diesem Kontext?

„Diese Diskussion finde ich immer etwas verkürzt. Da wird immer sehr schnell vom Fachkräftemangel gesprochen, aber genau wissen wir das gar nicht. Wichtig ist mir, dass wir überlegen, was hat der Einsatz von digitalen Technologien wirklich mit Bildung zu tun. Na klar gehen die Schüler irgendwann in den Beruf, aber es gibt auch noch etwas neben dem Job. Die digitalen Technologien durchziehen das ganze Leben. Wir reden heute von Big Data, aber was passiert mit unseren Daten? Was meint Digitalisierung? Wo sind wirklich die Chancen, wo sind die Grenzen und wo sind die Gefahren?

Das hat auch etwas mit Bildung zu tun. Sich mit den Technologien auseinanderzusetzen, die es in der Welt gibt und zu wissen, wie man zu diesen steht. Bin ich machtlos und fühle mich ausgeliefert oder bin ich selbst in der Lage, mich da irgendwie zu positionieren? Und das ist eine Bildungsfrage und nicht eine Frage der Fachkräfte.“

Möchten Sie den Institutionen und Schulen für die Digitale Bildung noch etwas mit auf den Weg geben?

„Man braucht auf jeden Fall einen langen Atem. Ich kann nur allen wünschen, dass sie sich auf den Weg machen: Anfangen, Erfahrungen sammeln, Mitmachen. Das ist als Herausforderung zu begreifen. Und letztlich sehen, dass die digitale Bildung Schule verändert und dass man merkt, dass Begeisterungsfähigkeit bei den Schülern entsteht. Denn Schüler lassen sich sehr gut für neue Technologien begeistern – mit so einem 3D-Drucker arbeiten, das macht einfach Spaß!“

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen uns, dass sich die gemeinsame Zusammenarbeit weiterhin so toll gestaltet.

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